Performatives Lernen ist ein ganzheitlicher Bildungsansatz, der Lernen als einen aktiven, erfahrungsbezogenen und interaktiven Prozess versteht. Statt Wissen passiv aufzunehmen, setzen sich Lernende durch Handlung, Beziehung und Resonanz mit Lerninhalten auseinander. Der Körper, die Emotionen, das Imaginäre und der Verstand werden gleichermaßen angesprochen.
Zentrale Merkmale des performativen Lernens sind:
Lernen durch Tun und Erleben (nicht nur durch Nachdenken)
Situierte Kommunikation, bei der Bedeutung gemeinsam im Moment entsteht
Spontaneität, Improvisation und Ko-Kreation von Bedeutung
Einbeziehung der physischen, sozialen und emotionalen Dimension des Menschen
Dieser Ansatz hat seine Wurzeln in der Theaterpädagogik, der Performanceforschung und der kritischen Pädagogik (zum Beispiel Paulo Freire) und ist inzwischen in vielen pädagogischen Feldern anerkannt.
Wie spiegelt sich diese Theorie in der PDL wider?
Die Psychodramaturgie für Sprachaneignung (PDL), entwickelt von Marie und Bernard Dufeu, ist ein herausragendes Beispiel für performatives Lernen in der Sprachdidaktik. Die PDL kehrt sich bewusst ab von einem unterrichtsdominierten, lehrbuchzentrierten Ansatz, den Dufeu als „Pädagogik des Habens“ bezeichnet, und orientiert sich an einer „Pädagogik des Seins“, bei der der Mensch im Zentrum steht.
Sprachen werden nicht über Inhalte gelernt, sondern durch Beziehung, Aktion und authentische Begegnung. Die Lernenden drücken sich aus – als ganze Personen, nicht als bloße „Lernende“.
Zentrale Verbindungen zwischen performativem Lernen und der PDL
Lernen mit dem ganzen Körper
In der PDL wird Sprache durch Stimme, Bewegung, Gestik und räumliches Handeln erfahrbar gemacht – ein körperlich-emotionaler Prozess, der die Sprache tief im Gedächtnis verankert.
Beziehungsorientiertes Lernen
Die PDL nutzt strukturierte Begegnungen (zum Beispiel Triaden, Projektionen), um echten sprachlichen Ausdruck zu ermöglichen. Sprache entsteht in der Beziehung, nicht im Lehrbuch.
Spontaneität und Improvisation
Performatives Lernen lebt vom Unvorhergesehenen. In der PDL geschieht Sprache oft spontan, initiiert durch innere Impulse der Teilnehmenden, unterstützt durch Techniken wie Doppeln oder Spiegeln.
Ko-Konstruktion von Bedeutung
Wie auf einer Theaterbühne wird Bedeutung gemeinsam geschaffen. Die Inhalte entstehen aus dem, was in der Gruppe lebendig ist, nicht aus einem festgelegten Curriculum.
Erfahrung vor Erklärung
Statt grammatische Regeln zu erklären, wird Sprache in der PDL erlebt, gefühlt und durch Resonanz verinnerlicht. Die Dramaturgie von Übungen folgt dabei strukturellen Prinzipien, nicht theatralen Effekten.
Fazit: Performative Theorie als wissenschaftliches Fundament der PDL
Die performative Lerntheorie bietet einen fundierten theoretischen Rahmen für die PDL. Sie erklärt, warum das Erleben von Sprache – nicht nur ihr Erklären – so wirksam ist. Dramaturgische Konzepte wie Wunsch, Opposition und Unterstützung (nach Émile Souriau) strukturieren die Übungen in der PDL und fördern den Ausdruckswunsch der Lernenden.
PDL macht deutlich: Sprache zu lernen heißt, sich selbst in einer neuen Sprache zu erleben – nicht nur, sie zu beherrschen. In diesem Sinne ist PDL eine Schule des Seins und der performativen Bildung.
Literatur und Quellen:
Dufeu, Bernard (2020): Die Dramaturgie in der Psychodramaturgie. In: Scenario – Journal for Performative Teaching, Learning, Research. https://doi.org/10.33178/scenario.14.1.5
Fischer-Lichte, Erika (2008): Ästhetik des Performativen. Suhrkamp.
Freire, Paulo (1970): Pädagogik der Unterdrückten.
Schechner, Richard (2002): Performance Studies: An Introduction. Routledge.